Anselm Bilgri Unterschrift

„Geld unterliegt im Laufe unseres Lebens der Inflation,
der Wert der Zeit dagegen steigt. Wer rechtzeitig umwechselt, gewinnt.“
(Christian Schütze, Teurer Rohstoff Zeit)

 

Buchempfehlungen von Anselm Bilgri

Philipp Blom: Böse Philosophen. Carl Hanser Verlag München 2011.

In den Jahren  vor Ausbruch der Großen Revolution galt der Salon des deutschstämmigen Barons Thiry d’Holbach in Paris als Hort des freien Gedankenaustauschs. Regelmäßig trafen sich bei ihm Philosophen und Publizisten, die wir heute Freidenker nennen würden. Sie wagten, einen strikten Atheismus zu propagieren in einem staatlichen System des Absolutismus, das schon spürte: Ohne die Stützung durch die Religion wäre das Fundament der Monarchie, das Gottesgnadentum, erschüttert. Aus diesem Grunde mussten die Salonbesucher ihre Publikationen im Geheimen, oft anonym verfassen und verbreiten. Unter ihnen waren Denis Diderot, der zusammen mit d’Alembert die Enzyklopädie, das Hauptwerk aufgeklärten Schrifttums in Frankreich, herausgab, aber zeitweilig auch der Engländer David Hume, Jean-Jacques Rousseau und Voltaire.
Spannend versteht es der Autor, wie nur die angelsächsische Historikertradition es vermag, trockenen Stoff wie Philosophie und geschichtliche Zusammenhänge so darzustellen, dass auch der Laie es versteht und mit höchstem Interesse bis zum Ende weiterliest. 
Gerade der religiös interessierte und der intellektuellen Auseinandersetzung gegenüber offene Leser wird es anregend finden, die Quellen der aufgeklärten Religionskritik kennenzulernen. Der kämpferische Neo-Atheismus eines Richard Dawkins, Christopher Hitchens oder Daniel Denett sieht gegen die Pioniere des 18. Jh. dagegen blass und zahnlos aus. Kein Argument, das nicht damals schon – oft unter Todesgefahr - vorgebracht und diskutiert worden wäre.
Die „bösen Philosophen“ sind zu Unrecht verblasst hinter den strahlenden Sternen eines Rousseau, Voltaire und Kant. Dieses Buch ist ein erster Schritt zu ihrer Wiederentdeckung.

Jesse Bering: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf. Piper Verlag, München 2011

Ein sympathischer Autor, der seinen Atheismus leise, aber bestimmt mit seiner von ihm vertretenen Wissenschaft, der Evolutionspsychologie, vertritt, ist der in Belfast lehrende und lebende US-Amerikaner Jesse Bering. Sein Buch ist dennoch harte Kost für jeden überzeugten Glaubenden. Mir persönlich ging es so, dass hier zum ersten Mal eine schlüssige Antwort geboten wird auf die mich seit Jahren bedrängende Frage, wie es in der Entwicklung der Menschheit zu dem Phänomen Religion kam. Welchen evolutiven Vorteil brachte Religion mit sich, dass sie der Anpassung des Menschen an die Umwelt dienen konnte? (...)

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Lang, Bernhard: Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers. Verlag C.H. Beck, München 2011

Der Titel ist ein Hingucker. Jesus als Hund zu bezeichnen scheint so gefährlich wie von Mohammed Karikaturen zu veröffentlichen. Oder sollte er gar so gemeint sein wie das bayerische, anerkennende: A Hund is er scho!? Eine Philosophenschule der Antike gab sich die Selbstbezeichnung „Hunde“ (griechisch: kyones). Es sind die Kyniker, am besten und bekanntesten repräsentiert von Diogenes von Sinope, den wir als den „in der Tonne“ apostrophieren (...)

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Raymond J. Lawrence Jr.: Sexualität und Christentum. Geschichte der Irrwege und Ansätze zur Befreiung
Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien, 2010 (Editio Ecclesia Semper Reformanda, Band 5)

Der New Yorker Pfarrer der Episkopalkirche und Klinikseelsorger Raymond Lawrence legt eine gut lesbare Kurzform seines Erfolgstitels “Poisoning of Eros: Sexual Values in Conflict” aus dem Jahr 1989 vor. Damit sind wir aber auch sofort bei einer ersten möglichen Kritik aus der zünftigen deutschsprachigen Theologenschaft. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der guten Lesbarkeit, die ja durchaus Tradition in der angelsächsischen Wissenschaftsliteratur hat, die hierzulande erwartete Sachlichkeit geopfert wurde. Dabei sind alle Erkenntnisse aus Quellen und Literatur schlüssig belegt. Zu diesen Erkenntnissen zählen auch eine erst jüngst vom Romancier Dan Brown publikumswirksam aufbereitete mögliche Liaison bzw. Ehe Jesu mit Maria Magdalena und die aus den neutestamentlichen Briefen und der Zeitgeschichte erschlossenen zwei Ehen des Apostels Paulus. So frappierend auf den ersten Blick diese Thesen aus der Feder eines theologisch versierten Pfarrers wirken mögen, so folgerichtig sind die Argumente, die er dafür findet, und die Konsequenzen, die daraus zu ziehen seien...

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Schnabel, Ulrich: Die Vermessung des Glaubens. Karl Blessing Verlag, München, 2008

Der Wissenschaftsredakteur der ZEIT, Ulrich Schnabel, versucht selbst mit seinem Untertitel sein Buch zusammenzufassen: Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt. Er trifft damit zwar ins Schwarze, mindert aber ein bisschen damit den Gehalt seiner hervorragenden und zum Teil aufregenden Geschichte der Evolution des Religiösen. Schon vor Jahren hat Hans Maier moniert, dass die gegenwärtige Theologie und Philosophie sich um die in der Postmoderne ganz neu sich erhebende Gottesfrage herumdrücken. In diesem Buch wird sie von den beiden Leitwissenschaften des 21. Jahrhunderts, der Evolutionsbiologie und den Neuro-Sciences her aufgerollt. Dabei gelingt es Schnabel, zwischen der Skylla des populären kämpferischen Atheismus und der Charybdis des religiösen Fundamentalismus einen weiten Bogen zu spannen. Die alte Weisheit der Mystiker, dass man Gott nicht begreifen, sondern nur erfahren können, wird wissenschaftlich ebenso untermauert, wie die Tatsache, dass Religiosität den  Menschen erst zum Menschen macht. Die Lektüre lässt den Schluss zu, dass die Menschheit solange sie existiert, sich mit dem Problem des Glaubens wird auseinandersetzen müssen. Schön ist das Ende des Buches mit einem Plädoyer für den Humor als einer Erscheinungsfigur der Religion. Eine Wahrheit, die sich jeder Funktionär jeglicher Religion hinter den Spiegel stecken sollte. 

Fried, Johannes: Das Mittelalter, Geschichte und Kultur. C.H. Beck, München 2008

Der Frankfurter Mittelalter-Historiker Johannes Fried, ein Meister der wissenschaftlichen Prosa,  bringt in seinem Buch das angeblich „finstere“ Mittelalter in unnachahmlicher Weise nahe: Eintausend Jahre europäische Geschichte und Kultur, die erfüllt sind von Leben, Tatendrang, Dynamik, Innovation, von heftigen Glaubenskämpfen und kühnen Entdeckungsfahrten, von Streben nach Freiheit, Erkenntnis und richtigem Leben. Die Renaissance erscheint nicht mehr als Überwindung einer Übergangszeit, sondern als die folgerichtige Vollendung jenes Weges, den der mittelalterliche Mensch ihr geebnet hat.

MacCulloch, Diarmaid: Die Reformation, 1490 – 1700. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008

Höchst anschaulich breitet MacCulloch in seinem ausgezeichneten Werk die zentralen Gedankengänge der Reformatoren und ihrer Gegner aus – von Martin Luther bis Ignatius von Loyola, von Jean Calvin bis Karl Borromäus- und legt dar, welche Überlegungen sie dazu trieben, religiöse Neuerungen anzustreben.. Er entwirft eine faszinierende Gesamtschau der politischen, sozialen und mentalitätsgeschichtlichen Veränderungen auf dem ganzen europäischen Kontinent. Er macht verständlich, was die Menschen damals dachten und fühlten, warum sie für religiöse Neuerungen empfänglich wurden. Kurt Flasch urteilt: „Zugleich ein Lesegenuss und beinahe ein Wunder: Ein Engländer denkt europäisch, ein Theologe sieht die Konfessionen überkonfessionell, ein Historiker weiß tausend Einzelheiten und verliert nicht den Überblick.“

Dirk Heißerer: Wo die Geister wandern.
Literarische Spaziergänge durch Schwabing (C.H. Beck, München, 2008)

Wer einmal eine der literarischen Spaziergänge durch München mitgemacht hat, der wird gerne auf die Bücher des gleichermaßen belesenen wie akribischen Führers und Autors Dirk Heißerer zurückgreifen. Nicht nur um nachzulesen, sondern um sich selbst zum „Nachgehen“ zu animieren. Es mag eigenartig erscheinen, aber eine Verortung all der Künstler, die in „Wahnmoching“, wie Schwabing von Franziska zu Reventlow genannt wurde, lebten und wirkten, hilft beim Verständnis ihrer Lebensgeschichten, die allesamt in ihre Erzählungen, Dramen, Gedichte, Bilder oder Skulpturen eingegangen sind. Nicht nur die Menschen einer vergangenen Epoche, auch ein Stadtteil mit seiner einstigen Bedeutung werden lebendig.

Harm Klueting: Das konfessionelle Zeitalter.
Europa zwischen Mittelalter und Moderne
(Primus Verlag, Darmstadt 2007)

Ein ungeheuer gelehrtes und dabei doch lesbares, streckenweise spannendes Buch legt der in Köln lehrende Historiker, Theologe und Slawist Harm Klueting mit seinem „Konfessionellen Zeitalter“ vor. Mit diesem Titel vermeidet er die gängige Einteilung der geschichtlichen Epochen, Mittelalter, Neuzeit, Reformation und Gegenreformation bis hin zum Dreißigjährigen Krieg. So gelingt ihm eine Zusammenschau von drei Jahrhunderten, die zu eigentlich gar nicht so überraschenden Einsichten führt: Die Reformation wurde durch die Frömmigkeitsgeschichte des 14. und 15. Jahrhunderts vorbereitet und konnte nur mit Hilfe der Fürstenreformation ihren großen Durchbruch erfahren. Klueting sprengt auch die herkömmlichen Grenzen der Fächereinteilung und Fakultätszuordnungen, seine Geschichte der Entstehung unserer europäischen Konfessionen, bewegt sich zwischen Profangeschichte und Kirchenhistorie, zwischen ökumenischer Theologie und Dogmenentwicklung, streift die Rechtsentwicklung des Heiligen Römischen Reiches und die Philosophie der Renaissance genauso wie die Entdeckungsreisen der Portugiesen und Spanier um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert.

Hans Küng:
Erinnerungen
(Piper, 2007)

Vor wenigen Wochen erst hat Hans Küng seinen 80. Geburtstag gefeiert, vor einem halben Jahr war der zweite Band seiner Erinnerungen mit dem Titel „Umstrittene Wahrheit“ erschienen, in dem er die Jahre von 1968 bis 1980 behandelt. Eigentlich wollte er darin die ganze zweite Hälfte seines Lebens darstellen, doch, wie er selbst sagt, erwies sich diese als so komplex und zugleich so spannend, dass er „keine Kürzungen vornehmen wollte, die auf Kosten der Genauigkeit und der Konkretheit gegangen wären.“ Und so dürfen wir in den nächsten Jahren einen dritten Band erwarten. Komplex ist dieses Leben allemal, vor allem aus der Sicht des Autors, der sein vom individuellen  Schweizerischen Freiheitsgefühl geprägtes, außerordentlich betont vorgetragenes Selbstbewusstsein nicht verborgen halten will...

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Wolfgang Kiener, Johannes Weise OP:
Die Individualismus-Falle
(dtv, 2008)

„Der Investment-Analyst Wolfgang Kiener und der Dominikanermönch Johannes Weise, beide viel gereist und vielfach interessiert, legen einen eigenen Entwurf für die Schule der Lebenskunst vor: durch Lebenskultur zur Lebensfreude.  www.individualismus-falle.de

Richard Götz:
Prozessmanagement für seelsorgliche Aufgaben
Am Beispiel der Katholischen Kirche in Deutschland
(ReligionsRecht im Dialog Bd.6; Lit, 2007)