Anselm Bilgri Unterschrift

„Geld unterliegt im Laufe unseres Lebens der Inflation,
der Wert der Zeit dagegen steigt. Wer rechtzeitig umwechselt, gewinnt.“
(Christian Schütze, Teurer Rohstoff Zeit)

 

 

31.10.08 17:08 Alter: 5 yrs

Kein gelungenes Kabinettstückchen

Kategorie: Kolumne

 

Mit Spannung haben wir alle darauf gewartet. Wie wird das neue, das erste Kabinett Seehofer ausschauen? Gelingt es ihm den unvermeidlichen Regionalproporz, die konfessionelle Ausgewogenheit und die angekündigte Verjüngung unter einen Hut zu bringen? Jetzt ist es also geschafft: nach einer durchwachten und am Telefon verbrachten Nacht hat der neue Ministerpräsident die Katze aus dem Sack gelassen. Wie man hört, gab es vorher doch noch Stress mit der eigenen  Fraktion, es sind zu viele, die von einer Regierungsbildung betroffen sind oder sehnlichst darauf warten, betroffen zu werden. Schade, dass dabei auch immer bewährte Kräfte auf der Strecke bleiben müssen: Christa Stewens etwa oder Thomas Goppel und Josef Miller, deren großes Manko es ist, zur Generation 60+ zu gehören. Dabei steuert die demographische Entwicklung darauf zu, dass diese Generation in der Bevölkerung bald den Ton angeben wird.

Die vielen Rücksichtnahmen haben offensichtlich dazu geführt, dass ausgerechnet einige Fachleute ganz anderen Ressorts zugewiesen wurden. Ludwig Spaenle, der sich gerne in der scientific community aufhält und als Schutzengel der Denkmalpflege geriert, wird plötzlich oberster Lehrer des Bayernvolkes und Hüter der gerade in Bayern sorgfältig austarierten Balance zwischen Staat und Religion. Nun, dazu ist er wenigstens durch sein Theologiestudium ausgewiesen. Der Tierarzt Marcel Huber, den ganzen Vortag über von den hellhörigen Rundfunkleuten als neuer Agrarminister gehandelt, findet sich als Staatssekretär im Kultusministerium wieder.

Irgendwie hat man bei diesen Rochaden den Eindruck, als ob dem guten Horst Seehofer bei seiner Rundumerneuerung mittendrin der Schwung abhanden gekommen wäre. Er hat angesetzt und dann gleich wieder gebremst. Der große, zukunftsweisende Wurf ist es wieder einmal nicht. Die politische Klasse hat von neuem gezeigt, dass es ihr doch zuvorderst um die eigene Haut und die lange ersehnten Posten geht. Erst an zweiter Stelle kommt der Dienst am Volk, den die Kabinettsmitglieder mit ihrem Amtseid so demonstrativ beschworen haben.

Auch hier gälte es ja, besonders in diesen unsicheren Zeiten, vor allem das Vertrauen in das Führungspersonal zu stärken! Vertrauen ist das auch von der Kanzlerin mantrahaft wiederholte Zauberwort dieser Tage. Es kann nur wiederhergestellt werden, wenn sich bei allen Eliten die Kultur des Dienens von oben nach unten durchsetzt. Das bayerische Kabinett hätte da ein gutes Signal abgeben können. Auch diese Chance wurde nicht genutzt.