„Geld unterliegt im Laufe unseres Lebens der Inflation,
der Wert der Zeit dagegen steigt. Wer rechtzeitig umwechselt, gewinnt.“
(Christian Schütze, Teurer Rohstoff Zeit)
Jede Münchner Brauerei zelebriert ihren Starkbieranstich mit einem einigermaßen professionellen Spektakel. Man kann sich fragen, warum gerade der Salvator am Nockherberg zu solch medialen Würden gelangt ist. Wie man sich auch wundern kann, dass die fränkische Fastnacht ausgerechnet in dem sonst eher verschlafenen Veitshöchheim die gesamte bayerische Politprominenz dazu verlockt, in den hohen bayerischen Norden zu reisen. Das sind anfangs wohl zufällige Konstellationen gewesen, die dann dazu geführt haben, dass jeder, der nur ein bisschen was auf sich hält, „a dabei“ sein muss.
Der Nockherberg ruft den Hofstaat des Ministerpräsidenten auch deshalb zu seinen Höhen, weil ihm, dem Landesvater in direkter Nachfolge des Kurfürsten Karl-Theodor, vom Direktor der Paulanerbrauerei als direktem Nachfolger des Bruder Barnabas mit dem Sinnspruch „bibas princeps optime“ die erste Maß des Fastenbieres überreicht wird. Die in den letzten Jahren ungewohnt häufigen Wechsel im Amt des höchsten Repräsentanten des Freistaats korrespondieren inzwischen mit dem Wechsel auf dem Posten des Brauereidirektors und des Fastenpredigers. Ersteres wurde verursacht durch die Entzauberung der bisher vorherrschenden politischen Klasse, letzteres durch die mediale Professionalisierung und damit verbunden die zunehmende Politisierung dieses nun gar nicht mehr so unbeschwert lustigen Ereignisses.
Es begann mit Erich Hallhuber, der gehen musste, weil er zu kritisch war, ging weiter mit Bruno Jonas, der selber die Reißleine gezogen hat, bevor er verschlissen wurde, setzte sich fort mit Django Asül, der es nur auf einen Auftritt gebracht hatte, wohl weil ein „niederbayerischer Türke“ den Veranstaltern doch zuviel Migrationshintergrund aufwies, bis jetzt zu Michael Lerchenberg, der seine Rolle als bußpredigender Paulanermönch im wahrsten Sinn des Wortes zu ernst genommen hat. Einem Seelsorger, der selbst dreißig Jahre lang gepredigt hat, stößt es sowieso leicht sauer auf, wenn über das Medienspektaktel „Fastenpredigt“ das schon längst überwunden geglaubte Moralisieren mit erhobenem und – noch schlimmer – auf Personen deutendem Zeigefinger weiterlebt.
Aber um der Gaudi willen könnte man dieses „Derblecken“ in einer Bierhalle durchgehen lassen. Dann soll es aber auch als Gaudi aufgefasst werden. Das gilt für beide Seiten, den Redner und die Zuhörer. Natürlich kann man darüber streiten, ob die Anspielung auf die unselige KZ–Geschichte im Zusammenhang mit Westerwelles spätrömischer Dekadenz passend und der Vorwurf an die bayerische Polizei, zugleich zu langsam und zu schießwütig zu sein, gerechtfertigt war. Aber gerät denn die traditionelle Salvatorprobe, zu der dreimal soviel eingeladen werden wollen, als Platz haben, nicht zu einem allmählich erstarrendem Ritual, für das sich bald kein Redner mehr finden wird? Schließlich muss er Angst haben, jedes Mal danach massiv angegriffen und mit Rauswurf bedroht zu werden.
Nicht nur die derbleckten Politiker sollten zur Besinnung kommen, auch diejenigen, die fürs den Salvatoranstich verantwortlich zeigen. Das Bayerische Fernsehen und die Paulanerbrauerei sollten sich besinnen, um was es ursprünglich mal ging: Um ein fröhliches, der bayrischen Variante der Fastenzeit verdanktes Bierfest, bei dem verbal kräftig ausgeteilt, aber auch eingesteckt wird, ohne dass jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird – schon gar nicht von denen, die verschnupft reagieren, wenn sie beim Derblecken übersehen werden.