„Geld unterliegt im Laufe unseres Lebens der Inflation,
der Wert der Zeit dagegen steigt. Wer rechtzeitig umwechselt, gewinnt.“
(Christian Schütze, Teurer Rohstoff Zeit)
Nur noch vereinzelt geistern Nachrichten über die jüngst vergangenen Studentenproteste durch die Medienwelt. Es war schon zu erwarten, dass die vorweihnachtlichen sit-ins nicht im Entferntesten an die große Zeit der studentischen Revolte in den sechziger und siebziger Jahren erinnern, gar heranreichen würden. Damals ging es um Weltverbesserung oder wenigstens -veränderung, diesmal ging es ausschließlich um Verbesserung der eigenen Studienbedingungen. Reflexhaft haben die Wissenschaftsbürokratien der Länder und die Hochschulrektoren kleine Korrekturen am Bologna-Prozess zugestanden. Sie dürften wohl eher der Kosmetik dienen, als insgesamt eine Bildungswende herbeiführen. Verringerung der Studiengebühren und Studieninhalte, Abbremsen der Verschulungstendenzen und internationale Kompatibilität der deutschen Bachelor- und Master-Diplome – so lassen sich die bemerkbarsten Forderungen der Studenten umschreiben.
Es geht wieder einmal um die von der Politik zum Thema Nr. 1 erklärte Bildung. Die Politiker betreiben aber nur Symptomtherapie. Sie setzen bei der Ausbildung an, den Inhalten, die für das berufliche Fortkommen benötigt werden. Also alles, was gelernt, gepaukt und am Ende des Studiums im Examen geprüft werden kann. Dies ist aber nur eine Seite, nämlich die propädeutische des Megathemas Bildung.
Gerade die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass berufliche Ausbildung der gegenwärtigen und zukünftigen Verantwortungselite nicht die gesamte Bildung eines Menschen ausmacht. Zum verstandesmäßigen Erlernen von Inhalten muss noch eine Aneignung von Verhaltensweisen hinzutreten.
In seinem jüngsten Buch „Du musst dein Leben ändern“ spricht Peter Sloterdijk in diesem Zusammenhang von der anthropotechnischen Wende. Der Mensch muss befähigt werden, sein Leben selbst zu gestalten. Ausbildung befähigt meist nur dazu, als Rädchen im System gut zu funktionieren, Bildung hingegen zu einem selbstbestimmten und doch dienenden Einsatz der individuellen Talente und Potentiale. Dazu braucht es neben der rationalen die sozialen, emotionalen, kommunikativen, künstlerischen und – warum nicht – religiösen Kompetenzen eines Menschen. Jenseits von Professionalität zählt noch etwas anderes: Erfahrung, Menschlichkeit und Gefühl. Jeder, der einmal in Führungsverantwortung stehen muss, wird leidvoll daran erinnert werden, dass eine gute Führungskultur vor allem auf ein ganzheitliches Bildungsideal zurückgreifen muss: auf die Herzensbildung. Die nur scheinbar von den modernen Neurowissenschaften verdrängte Metapher vom Herzen als der Mitte des Menschen bleibt auch für moderne Zeitgenossen unmittelbar zugänglich. In diesem Bild verdichtet sich die Menschlichkeit des Menschen, seine Humanität.
Nur wenn es gelingt, neben der Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten auch die Herzensbildung in unserem Bildungssystem als notwendiges Korrektiv zu verankern, wird eine Bildungsreform nachhaltig und dauerhaft Erfolg haben.