„Geld unterliegt im Laufe unseres Lebens der Inflation,
der Wert der Zeit dagegen steigt. Wer rechtzeitig umwechselt, gewinnt.“
(Christian Schütze, Teurer Rohstoff Zeit)
In der Sendereihe „Brennpunkt – der Motivationstalk mit Erich Lejeune“, geht es um das...

Vor einigen Tagen veröffentlichte der Bayerische Rundfunk die on3-Jugendstudie, eine repräsentative Umfrage unter 508 jungen Erwachsenen. Die auffälligsten Aussagen daraus, die über den Äther tickerten: Unter den Werten, die die Jugendlichen prägen, rangieren Kirche und Religion als letzte. Hingegen sind ihnen zwischenmenschliche Werte wie Treue, Ehrlichkeit und Liebe wichtig. Dahinter rangieren Verlässlichkeit, Respekt, Sicherheit und Geborgenheit sowie Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft. Am Ende der Werteskala stehen eben Glaube und Religiosität, noch hinter Genuss, Streben nach Luxus oder Macht. Auffällig ist, dass die Werte, die von den Kirchen vertreten werden, eine hohe Verankerung bei jungen Menschen haben, Glaube und Religiosität als Wert an sich jedoch nicht genannt werden.
Nun werden die Kirchen natürlich darüber enttäuscht sein. Die Umfrage bestätigt ja nur wieder einen seit langem erkennbaren Trend: Den Kirchen läuft die Zukunft davon. Aber müssen die verfassten Religionsgemeinschaften wirklich traurig sein, wenn gleichzeitig feststeht, dass die von ihnen vertretenen Werte einen hohen Rückhalt in der Gesellschaft haben? Kirche als Institution, die ihre Forderungen, nicht nur moralischer Natur, erhebt, und die eine aktive Mitgliedschaft verlangt - das scheint passé zu sein. Aber wozu sie zwei Jahrtausende gebraucht hat, unsere Gesellschaft mit christlichen Werten zu prägen, das ist ihr gelungen.
Kirche verliert ihre Macht über die Seelen, aber wohlgemerkt die Organisation Kirche. Damit teilt sie das Schicksal vieler traditioneller Organisationen, die in der einen oder anderen Form Menschen vereinnahmen wollen. Dies widerspricht zwei grundlegenden Werten, die unsere westlichen Gesellschaften prägen, die aber gerade deshalb, weil sie die Grundstimmung ausmachen, nicht eigens erwähnt werden: die individuelle Freiheit und die Forderung nach Authentizität.
Kirche als Institution trägt immer noch den Makel an sich, dass sie die Kreativitäts- und Selbstentfaltungswerte eher einschränkt. Das Bodenpersonal des lieben Gottes verbreitet den Eindruck, dass es nicht authentisch sein will oder darf. Das hat nicht nur mit einer permissiven Sexualmoral der Gesamtgesellschaft zu tun, die Studie belegt ja, dass vor allem langfristig gelebte Beziehungen einen hohen Wert darstellen. Das hat mit der Frage zu tun, ob eine ganze Berufsgruppe, die Werte vorleben soll, diese nicht „echt“, d.h. mit aller menschlichen Fragmentarität vorleben darf.
Vielleicht sind wir allmählich dort angelangt, wo der italienische Philosoph Gianni Vattimo die Aufgabe der Kirche ansiedelt: in der Säkularisation. Er meint damit, Kirche hat die Dienstfunktion, die Werte des Evangeliums in die Gesellschaft zu diffundieren. Wenn diese Aufgabe erledigt ist, ist sie selbst eigentlich überflüssig. Eine erschreckende und zugleich befreiende Vision. Erschreckend, weil sie der Selbsteinschätzung der mächtigen Institution Kirche total widerspricht, die ja nicht einmal die Pforten der Hölle zu fürchten gewohnt ist; befreiend, weil sie tatsächlich erlösen könnte von allem zwanghaften Aktionismus, den Mangel und Schwund zu verwalten.